„Im Zusammenarbeiten werden alle lernen und alle lehren.“
08.01.2026
Der heutige Beitrag führt uns zurück in die spannende Geschichte eines besonderen Ortes der emanzipatorischen Bildung, mit dem mich persönlich sehr viel verbindet, nachdem ich ab den späten 1980er Jahren dort über zwanzig Jahre gearbeitet habe. Und es war für mich immer ein besonderes Gefühl, auf welchem historischen Boden ich da arbeiten konnte, an einem Ort, der von einer einzigartigen bildungspolitischen wie demokratiepolitischen Tradition geprägt ist.
Eine Tradition, die für mich als sogenannte DNA des Hauses in unserer Arbeit dort immer noch spürbar war, von deren Grundwerte und Ziele auch unsere aktuelle Bildungsarbeit dort inspiriert war und es bis heute noch ist.
1905, also vor 120 Jahren wurde das Haus am Ludo-Hartmann-Platz im Wiener Arbeiter:innen Bezirk Ottakring als erstes Abendvolkshochschulgebäude in Europa eröffnet.
Ein Projekt, das vor allem von fortschrittlichen Universitätdozent:innen initiiert und vorangetrieben wurde, allen voran Ludo Hartmann und Emil Reich, mit dem Ziel, Wissen und Bildung allen zugänglich zu machen, in einem Bündnis aus Wissenschaft, Arbeiter:innenbewegung und liberalem Bürgertum - wie es auch in der Gründungsurkunde postuliert wurde:
„Arbeiter, Bürger und Hochschullehrer gründeten den Verein Volksheim als eine Stätte höherer wissenschaftlicher Ausbildung und reichen künstlerischen Genusses für die breiten Schichten des werktätigen Volkes.“
Ein Projekt, das schon bei seiner Gründung somit finanziell und inhaltlich auf einer breiten Basis von Unterstützer:innen aufbaute - aber zugleich auch bereits bei dieser Gründung für Kontroversen sorgte: Eine Volks-Hochschule, also eine Hochschule für das Volk, damit auch für die unteren Klassen, für die Arbeiter:innen, und dabei auch noch gleichberechtigt für Männer und Frauen, das war in der damaligen Monarchie und speziell auch für die damalige christlich-soziale Wiener Stadtregierung unter Karl Lueger untragbar. Und so wurde der Name „Volkshochschule“ behördlich untersagt und jegliche Unterstützung verweigert - und das Haus erhielt den Namen „Volksheim“. Und erst 1926 konnte das Haus die Bezeichnung „Volkshochschule“ mit in seinen Namen aufnahmen.
Ungeachtet dessen widmete sich das Haus von seinem Anfang an vor allem auch der demokratischen wissenschaftlichen Bildungsarbeit, wobei Wissenschaft nicht nur vermittelt, sondern auch dort selbst betrieben werden sollte, in einer einzigartigen Form der Zusammenarbeit von Lernenden und Lernenden. Auch in der Hoffnung des demokratiefördernden und emanzipatorischen Aufklärungspotentials von Wissen und Bildung.
Bereits im Gründungsaufruf des Volksheims Ottakring wurde ein Bildungsverständnis verankert, das die Selbständigkeit und Selbsttätigkeit der Lernenden und die Demokratisierung der Bildungsarbeit in den Mittelpunkt stellte und mit den Worten schließt: „Im Zusammenarbeiten werden (...) alle lernen und alle lehren.“
Dieses zentrale Selbstverständnis der Demokratisierung von Bildungsarbeit prägte dann auch die weitere Entwicklung des Volksheims Ottakring. Einerseits durch die partizipativen Mitbestimmungsstrukturen auf allen Ebenen des Volksheims, anderseits in der Bildungsarbeit, was seinen ganz besonderen Ausdruck in den wissenschaftlichen wie praktischen Arbeitsgemeinschaften fand, den sogenannten Fachgruppen. In diesen Fachgruppen, die von Naturwissenschaften - wie Physik, Chemie - und Mathematik über Philosophie, Geschichte, Staats- und Rechtswissenschaften bis zu Sprachen, Pädagogik und Kunstgeschichte reichten, arbeiteten renommierte ebenso wie junge Wissenschaftler:innen mit Lernenden zusammen.
Im Zentrum stand die Selbsttätigkeit der Lernenden, die hier weniger belehrt, sondern vielmehr zum Erarbeiten der Wissensinhalte angeleitet werden sollten. Die Inhalte der Arbeit sollten von möglichst allen Fachgruppenmitgliedern gemeinsam bestimmt werden. Sie hatten sogar eigene Leitungs- und Verwaltungsorgane haben und teilweise über ein eigenes, selbstverwaltetes Budget zur Verfügung.
Dabei standen ihnen auch sehr gut Ressourcen im Volksheim Ottakring zur Verfügung, mit Bibliotheken, wissenschaftlichen Kabinetten und Laboren - um deren gute und moderne Ausstattung das Volksheim von der Universität Wien durchaus wiederholt beneidet wurde. Auf dieser Basis wurde in gemeinsamen Bildungsprozessen geforscht und experimentiert, aufbereitet und vermittelt.
Zugleich wurde in den Fachgruppen auch dem Aspekt des sozialen Miteinanders ein wichtiges Augenmerk geschenkt, durch die bewusst gestalte Verbindung von Bildungsarbeit mit Gemeinschaftserlebnissen. Etwa durch die regelmäßigen Wochenend-Wanderungen in die Umgebung Wiens der Philosophie Fachgruppe.
Auch der Kurs- und Vortragsbetrieb im Volksheim wurde demokratisch und partizipativ geplant und organisiert, mit Mitbestimmungsmodellen für Dozent:innen und Hörerinnen, durch paritätisch besetzte Ausschüsse, sowie durch gewählte Kurs-Vertrauenspersonen, deren Aufgabe es war, die Vortragenden und die Leitung von Wünschen in Kenntnis zu setzen, auch davon, welche Themen und Lehrende künftig erwünscht wären. Und in den Vorträgen und in Kursen selbst war die gemeinschaftliche Diskussion der Inhalte auch immer wichtiges Prinzip.
Pädagogische und wissenschaftliche Innovationen
Literaturhinweise:
Eine Tradition, die für mich als sogenannte DNA des Hauses in unserer Arbeit dort immer noch spürbar war, von deren Grundwerte und Ziele auch unsere aktuelle Bildungsarbeit dort inspiriert war und es bis heute noch ist.
Gründung des Volksheims Ottakring - ein demokratischer "Palast der Wissenschaft"
1905, also vor 120 Jahren wurde das Haus am Ludo-Hartmann-Platz im Wiener Arbeiter:innen Bezirk Ottakring als erstes Abendvolkshochschulgebäude in Europa eröffnet.
Ein Projekt, das vor allem von fortschrittlichen Universitätdozent:innen initiiert und vorangetrieben wurde, allen voran Ludo Hartmann und Emil Reich, mit dem Ziel, Wissen und Bildung allen zugänglich zu machen, in einem Bündnis aus Wissenschaft, Arbeiter:innenbewegung und liberalem Bürgertum - wie es auch in der Gründungsurkunde postuliert wurde:
„Arbeiter, Bürger und Hochschullehrer gründeten den Verein Volksheim als eine Stätte höherer wissenschaftlicher Ausbildung und reichen künstlerischen Genusses für die breiten Schichten des werktätigen Volkes.“
Ein Projekt, das schon bei seiner Gründung somit finanziell und inhaltlich auf einer breiten Basis von Unterstützer:innen aufbaute - aber zugleich auch bereits bei dieser Gründung für Kontroversen sorgte: Eine Volks-Hochschule, also eine Hochschule für das Volk, damit auch für die unteren Klassen, für die Arbeiter:innen, und dabei auch noch gleichberechtigt für Männer und Frauen, das war in der damaligen Monarchie und speziell auch für die damalige christlich-soziale Wiener Stadtregierung unter Karl Lueger untragbar. Und so wurde der Name „Volkshochschule“ behördlich untersagt und jegliche Unterstützung verweigert - und das Haus erhielt den Namen „Volksheim“. Und erst 1926 konnte das Haus die Bezeichnung „Volkshochschule“ mit in seinen Namen aufnahmen.
Ungeachtet dessen widmete sich das Haus von seinem Anfang an vor allem auch der demokratischen wissenschaftlichen Bildungsarbeit, wobei Wissenschaft nicht nur vermittelt, sondern auch dort selbst betrieben werden sollte, in einer einzigartigen Form der Zusammenarbeit von Lernenden und Lernenden. Auch in der Hoffnung des demokratiefördernden und emanzipatorischen Aufklärungspotentials von Wissen und Bildung.
Bereits im Gründungsaufruf des Volksheims Ottakring wurde ein Bildungsverständnis verankert, das die Selbständigkeit und Selbsttätigkeit der Lernenden und die Demokratisierung der Bildungsarbeit in den Mittelpunkt stellte und mit den Worten schließt: „Im Zusammenarbeiten werden (...) alle lernen und alle lehren.“
Die Fachgruppen des Volksheims als Selbsttätigkeit der Lernenden
Dieses zentrale Selbstverständnis der Demokratisierung von Bildungsarbeit prägte dann auch die weitere Entwicklung des Volksheims Ottakring. Einerseits durch die partizipativen Mitbestimmungsstrukturen auf allen Ebenen des Volksheims, anderseits in der Bildungsarbeit, was seinen ganz besonderen Ausdruck in den wissenschaftlichen wie praktischen Arbeitsgemeinschaften fand, den sogenannten Fachgruppen. In diesen Fachgruppen, die von Naturwissenschaften - wie Physik, Chemie - und Mathematik über Philosophie, Geschichte, Staats- und Rechtswissenschaften bis zu Sprachen, Pädagogik und Kunstgeschichte reichten, arbeiteten renommierte ebenso wie junge Wissenschaftler:innen mit Lernenden zusammen.
Im Zentrum stand die Selbsttätigkeit der Lernenden, die hier weniger belehrt, sondern vielmehr zum Erarbeiten der Wissensinhalte angeleitet werden sollten. Die Inhalte der Arbeit sollten von möglichst allen Fachgruppenmitgliedern gemeinsam bestimmt werden. Sie hatten sogar eigene Leitungs- und Verwaltungsorgane haben und teilweise über ein eigenes, selbstverwaltetes Budget zur Verfügung.
Dabei standen ihnen auch sehr gut Ressourcen im Volksheim Ottakring zur Verfügung, mit Bibliotheken, wissenschaftlichen Kabinetten und Laboren - um deren gute und moderne Ausstattung das Volksheim von der Universität Wien durchaus wiederholt beneidet wurde. Auf dieser Basis wurde in gemeinsamen Bildungsprozessen geforscht und experimentiert, aufbereitet und vermittelt.
Zugleich wurde in den Fachgruppen auch dem Aspekt des sozialen Miteinanders ein wichtiges Augenmerk geschenkt, durch die bewusst gestalte Verbindung von Bildungsarbeit mit Gemeinschaftserlebnissen. Etwa durch die regelmäßigen Wochenend-Wanderungen in die Umgebung Wiens der Philosophie Fachgruppe.
Auch der Kurs- und Vortragsbetrieb im Volksheim wurde demokratisch und partizipativ geplant und organisiert, mit Mitbestimmungsmodellen für Dozent:innen und Hörerinnen, durch paritätisch besetzte Ausschüsse, sowie durch gewählte Kurs-Vertrauenspersonen, deren Aufgabe es war, die Vortragenden und die Leitung von Wünschen in Kenntnis zu setzen, auch davon, welche Themen und Lehrende künftig erwünscht wären. Und in den Vorträgen und in Kursen selbst war die gemeinschaftliche Diskussion der Inhalte auch immer wichtiges Prinzip.
Pädagogische und wissenschaftliche Innovationen
In diesem Klima wurde das Volksheim auch zum Entwicklungsfeld alternativer und fortschrittlicher pädagogischer Methoden, ja sogar innovativer wissenschaftlicher Ansätze auf verschiedensten Feldern, wie etwa der Individualpsychologie Alfred Adlers, der dort nicht nur u.a. Eltern- und Erziehungsberatung durchführte und sonntägliche Erziehungsvorträge für Eltern im voll gefüllten Großen Saal des Volksheims abhielt, sondern seine Arbeit in diesem Haus auch als wichtige Grundlage für die Entwicklung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse nutzte.
So war es auch kein Wunder, dass das Volksheim als innovatives Modell demokratischer und emanzipatorischer Bildungsarbeit rasch weit über Wien hinaus auch internationale Strahlkraft entwickelte und zum Vorbild wurde. Was auch seinen Ausdruck darin fand, dass sehr rasch internationale Besucher:innen und Studien-Gruppen nach Ottakring kamen, um aus diesem Modell zu lernen, aus Schweden, Dänemark, Finnland und Deutschland, u.a. auch 1.000 russische Lehrer:innen und Volksbildner:innen. Darüber hinaus pflegten auch einige Fachgruppen selbst internationale Kontakte, etwa die Sprach-Fachgruppen.
Sprachen waren neben der wissenschaftlichen Bildungsarbeit von Anfang an ein wesentlicher zweiter Schwerpunkt im Volksheim Ottakring, ebenso wie Bildungsangebote für benachteiligte Personengruppen. So gab es bereits in den ersten Kursjahren Deutschkurse für Tschech:innen und Alphabetisierungskurse. Anfang der 1930er Jahre gewann angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit und hohen Zahl von Menschen in Kurzarbeit diese Personengruppe stark an Bedeutung in der Arbeit des Volksheims, auch durch spezielle Arbeitslosenkurse, die tagsüber stattfanden und in denen sie ua auch über ihre Ansprüche und Rechte informiert wurden.
Ergänzt wurde diese Bildungsarbeit u.a. auch durch einen Rechtshilfeverein und eine Berufsberatungsstelle im Volksheim.
Seinen quantitativen Höhepunkt erlebten diese Tätigkeiten Mitte der 1920er Jahre. Die an die 30 Fachgruppen hatten in dieser Zeit bis zu 2.000 aktive Mitglieder, vorwiegend jüngere Männer und Frauen aus der Arbeiter:innenschaft, das Volksheim hatte über 10.000 eingeschriebene Mitglieder und und der Kurs- und Vortragsbetrieb erreichten wienweit an die 30.000 Teilnehmenden, inklusive der aufgrund des wachsenden Bedarfs in der Zwischenzeit errichteten Zweigstellen, in der Leopoldstadt, der Landstraße, der Brigittenau und in Simmering.
Das "Haus mit den hundert Fenstern" als Ort der sozialen und physischen Wärme
Das weithin sichtbare „Haus mit den hundert Fenstern“, wie es der Arbeiterdichter Alfons Petzold nannte, der selbst als in prekären Verhältnissen aufgewachsener Hilfsarbeiter dieses Haus als Ort der Bildung für sich nutzen konnte, war neben einem „Palast des Wissens“ (wie es ebenfalls beschrieben wurde), zudem auch ein sozialer Begegnungsort, ein Zufluchtsort, ein Ort der sozialen und physischen Wärme, der durch seine großzügigen, schön ausgestatteten Räumlichkeiten - abends hell erleuchtet und im Winter geheizt - eine besondere Qualität entwickelte. Gerade auch angesichts der für viele prekären, belastenden und krankmachenden Wohnverhältnisse in Arbeiter:innen-Bezirken - ein sozialer Missstand, den dann das Rote Wien durch den massiv vorangetriebenen kommunalen Wohnbau ja durchaus erfolgreich zu verändern suchte.
Ganz so, wie es in der im Grundstein des Hauses hinterlegten Gründungsurkunde als Auftrag - wenn auch zeittypisch etwas pathetisch - formuliert wurde: „Mögen in diesem Hause des Volksheims, als Heim der freien, hohen Schule des Volkes, durch die Strahlen des Lichtes die Köpfe erhellt und die Herzen erwärmt werden: Vertiefung und Erhebung des Lebens bedeute es allen Aufwärtsdringenden und diene den besten Kräften der Zukunft.“
Sichtbar wurde das auch durch den großen Zeitschriften- und Zeitungslesesaal, den auch viele Arbeitslose nutzten, um sich sinnvoll zu beschäftigen und zu informieren, und unter anderen und mit anderen zu sein, und sich somit geistig, sozial und körperlich aufzuwärmen. Dort - oder in der alkoholfreien Gaststätte im Volksheim, die vom Verein abstinenter Frauen geführt wurde, oder auch beim gemeinsamen Singen im 1926 gegründeten Volksheimchor.
Und am Abend war das Haus belebt vom Leben des Kurs- und Vortragsgeschehens, wie es in einer zeitgenössischen Beschreibung geschildert wurde:
„Aus hundert hellen Fenstern (…) leuchtet das Haus am Ludo-Hartmann-Platz in die Dunkelheit der Vorstadtgassen. In das weitgeöffnete Tor quoll ein breiter Strom von Menschen. Über die Stiege kam man nur Schritt für Schritt vorwärts. Auf den Gängen schob man sich aneinander vorbei. Die Leersäle waren überfüllt, dass die Hörer sich in Trauben vor den Türen drängten, die nicht geschlossen werden konnten.“
Das Volksheim Ottakring als "Insel der Demokratie" im Austrofaschismus nach 1934
Das Jahr 1934 mit der endgültigen Ausschaltung der Demokratie und der Errichtung der austrofaschistischen Diktatur in Österreich bedeuteten auch eine dramatische Zäsur für diese Arbeit im Volksheim Ottakring, das mit seiner konsequent demokratischen und aufklärerischen Kultur und Verfassung in völligem Gegensatz zu den Zielen des klerikal-autoritären Regimes stand.
Und führte rasch zu sowohl personellen wie inhaltlichen Einschnitten. Dennoch konnte das Haus aufgrund seiner starken, selbstverwalteten inneren Verfassung unter Leitung von Viktor Matejka für einige Zeit als einer der wenigen noch bestehenden geschützten Freiräume für demokratische Kräfte in Wien fungieren, als einer der letzten widerständigen Rückzugsorte oppositioneller Intellektueller - trotz intensiver Bespitzelung und ständig wachsendem Druck von außen.
Viktor Matejka übernahm 1934 die Leitung des Volksheims, an dem er schon etliche Jahre zunächst als Studierender, dann als vielfach nachgefragter Vortragender und Kursleiter zu kulturpolitischen und geopolitischen Themen tätig war.
Er übernahm nach anfänglichen Bedenken diese Aufgabe mit dem Ziel, diesen demokratischen Freiraum so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Mit, wie Matejka es in vertraulichen volksheiminternen Gesprächen formulierte, geschickter „Taktik und Tarnung“.
Möglich wurde das vor allem auch aufgrund seines persönlichen Vertrauensverhältnis zum aus der katholischen Arbeiterbewegung kommenden damaligen Volksbildungsreferenten der Stadt Wien, Karl Lugmayer.
In seinen Erinnerungen beschreibt Matejka sein Gespräch mit Lugmayer bei der Übernahme des Auftrags zur Leitung des Volksheims so: „Um zu retten, was meines Erachtens politisch noch zu retten war, sagte ich zu, jedoch unter einer Bedingung: ich würde versuchen, die demokratischen Formen und Inhalte der Volkshochschule zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Lugmayer antwortete: Einverstanden, aber das ist nur ein Pakt zwischen uns beiden, wenn Schmitz (Anm: der damalige vom austrofaschistischen Regime nach der Verhaftung seines sozialdemokratischen Vorgängers Karl Seitz eingesetzte Bürgermeister von Wien, Richard Schmitz) es erfährt, bin ich geschmissen.”
Dieser Versuch der Aufrechterhaltung eines geschützten demokratischen Raums in einer autoritären Diktatur stellte sicherlich eine schwierige und problematische Gratwanderung unter herausfordernden externen wie internen Bedingungen dar.
Gekoppelt mit der Frage, wieviel Kompromiss in einer solchen politischen Konstellation noch möglich und vertretbar ist, im Spannungsfeld zwischen Widerstand und Kollaboration. Eine Frage, mit der wir immer wieder beim verantwortlichen Handeln in politischen Konfliktfeldern konfrontiert sind.
Ich würde Matejka persönlich jedenfalls zugestehen, dass er dieses Ziel des Aufrechterhaltung eines geschützten demokratischen Freiraums mit äußerst hohem persönlichen Einsatz in dieser Verantwortung zu gewährleisten versuchte - was ihm in einem beträchtlichen Ausmaß auch tatsächlich gelang.
Jedenfalls konnte dieser demokratische Freiraum des Denkens, Diskutieren und sich Organisieren und Vernetzen für oppositionelle und demokratische Kräfte zumindest für die nächsten zwei Jahre einigermaßen aufrechterhalten werden - wie auch die in dieser Zeit im Brünner Exil erscheinende Arbeiterzeitung feststellte: Die Volkshochschule Volksheim Ottakring sei „eine Insel der Demokratie im faschistischen Österreich“.
Gleichschaltung durch Austrofaschismus und Nationalsozialismus
Diese Tätigkeit löste immer heftiger werdenden Druck und Angriffe des austrofaschistischen Regimes gegen diese demokratische Insel aus, in einem ideologischen Kulturkampf, als deren Speerspitze durch den klerikal-reaktionären Philosophen Leo Gabriel als persönlicher Gegenspieler von Viktor Matejka.
Dieser attackierte die Tätigkeit des Volksheims Ottakring medial aber auch in den Gremien unter anderem als „staatsfeindlich“, als „Nest der illegalen sozialistischen Bewegung“, als „Tummelplatz der kommunistischen Agitation“ und diffamierte Viktor Matejka als Linkskatholiken, radikalen Sozialisten und Extremdemokraten.
Das Volksheim konnte aufgrund seiner gefestigten inneren Widerstandskraft für gewisse Zeit den politischen und medialen Übergriffen und Übernahmeversuchen durch das austrofaschistische Regime für einige Zeit Gegenwehr leisten und seine geschützen Räume aufrecht erhalten.
Schließlich wurde dem aber dann durch autoritäre Eingriffe seitens des Regimes ein Ende gesetzt, durch ein im August 1936 erlassenes „Stadtgesetz zur Regelung des Volksbildungswesen“, indem die Volksbildung direkt der Kontrolle und Steuerung des Bürgermeister Richard Schmitz und der Vaterländischen Front unterstellt und sämtliche demokratischen Strukturen der Selbstverwaltung im Volksheim durch Statutenänderungen, durch den Ausschluss von Vereinsmitgliedern und der Installation vom Regime bestimmter Leitungsorgane unter der Regie von Leo Gabriel außer Kraft gesetzt wurden. Die Bestellung von Dozenten war künftig der ideologischen Kontrolle durch Gremien der Vaterländischen Front unterworfen, verbunden mit einer klaren inhaltlichen Absage an eine wissenschaftsorientierte und aufklärerische, nicht-klerikale Volksbildung.
Dies muss sicherlich auch im Kontext des dem vorausgehenden sogenannten Juliabkommens 1936 zwischen Österreich und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich gesehen werden, das in Folge zu einer nochmals deutlich verschärften Vorgangsweise des austrofaschistischen Regimes in der Gleichschaltung von Medien, Kultur und Bildung führte.
Mit dieser autoritären Umgestaltung und Auflösung ihrer demokratischen Selbstverwaltung und Gleichschaltung inklusive Überwachungsmechanismus und der Etablierung interner Spitzelwesen konnten die Volkshochschulen dann nach 1938 jedenfalls fast nahtlos in die nationalsozialistischen Organisationen eingeliefert werden.
Viktor Matejka und die Wiener Volksbildung
Viktor Matejka wurde als Leiter des Volksheims 1936 abgesetzt. Er wurde im April 1938 vom nationalsozialistischen Regime mit dem sogenannten Prominententransport ins Konzentrationslager Dachau deportiert, wo er bis 1944 inhaftiert war und das er glücklicherweise überlebte.
Viktor Matejka wurde dann von 1945 bis 1949 von der KPÖ nominierter Stadtrat für Kultur und Volksbildung in Wien. Wobei dazu gesagt werden kann, dass das immer auch sehr kritische Naheverhältnis des Einzelgängers und unorthodoxen Linkskatholiken Matejka zur KPÖ, aus der er dann 1966 austrat, sich weniger aus einer marxistischen Weltsicht, sondern aus seinem konsequenten Antifaschismus ergab.
Das Verhältnis der Wiener Volksbildung zu ihm blieb leider nach 1945 bis zu seinem Tod schwierig, was ich persönlich sehr bedauere. Was sicher auch historische, auch parteipolitische Gründe vor allem in Zeiten des Kalten Krieges hatte.
Was aber wohl auch daran liegt, wie er war, ein unbequemer kritischer Querkopf mit unkonventionellen Ideen, der in keine Schubladen passt.
Und was ihn vielleicht zu folgendem Ausspruch kurz vor seinem Tod verleitete: „Volksbildung mach ich wo immer. Da brauch ich dazu nicht einmal eine Volkshochschule.“
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